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Dezember 9, 2017

Folge 5 – Die Aussteiger

Sie konnte sehen, wenn er etwas verheimlichte. Sie kannte ihn seit vierzig Jahren, vielleicht länger. Wahrscheinlich länger. Er war nie ein guter Lügner gewesen. Sie sah, wie er schluckte und sich die Lippen leckte. Sie wuchtete den Wäschesack auf den Rücksitz und öffnete die Beifahrertür. Er wischte sich die Hände an der Hose ab und machte das Gesicht, das er für unverdächtig hielt. Sie griff unter seinen Sitz und zog die leere Pizzaschachtel hervor. Sie roch nach geschmolzenem Käse, Salami, nach süßen Tomaten und frisch gebackenem Teig. Nach Abfall und Grausamkeit, Ausbeutung und Pflanzenschutzmitteln.

„Bastard.“

Er wartete auf ihre Vorwürfe, auf die scharfkantigen Sätze und die bodenlose Stille dazwischen. Sie wäre lieber verhungert, als bei einer Pizzakette zu bestellen, deren unterbezahlte Mitarbeiter weißes Mehl und ranziges Fett mit Geschmacksverstärkern, Konservierungsstoffen und tierischem Elend belegten. Sie wäre lieber erfroren, als in das Ferienhaus zu ziehen. Aber sie war nicht allein, und allein war es ihr nicht gelungen, das Blockhaus winterfest zu machen. Sie war stärker geworden im letzten halben Jahr. Sie hatte einen Gemüsegarten angelegt, ein Hühnerhaus gebaut, hatte umgegraben und gepflanzt, geerntet und geschlachtet, getrocknet und eingekocht. Doch die Arbeiten am Haus fielen ihrem alten Körper schwer. Ihn immer wieder anzutreiben machte sie so wütend, dass sie schweigend um ihn herum arbeitete. Sein erschrockenes Gesicht, wenn sie direkt neben seinem Kopf einen Nagel in die Wand schlug. Befriedigend. Aber sie kannte ihn seit vierzig Jahren. Sie hätte sich nicht auf ihn verlassen dürfen. Sie hatte versagt.

Die Wege in diesem Teil des Waldes waren zerfurcht und schlecht befestigt. Der Wagen schlingerte und ächzte. Im Kofferraum gurrte ein Huhn.

„Es ist nur für diesen Winter“, sagte er. Stille hielt er genauso wenig aus wie Hunger, Streit oder körperliche Anstrengung. „Und die Miete ist niedrig. Und wenn du willst, kannst du es niederbrennen, wenn wir ausziehen.“ Sie wandte den Kopf ab, damit er nicht sah, wie sie lächelte.

Sie dachte an Lucian. Wie er die Augen verdrehte, wenn sie von ihren Plänen sprach. Dass er niemals seine Liebhaber mitbrachte, wenn er sie besuchte. Und überhaupt, wann hatte er sie zum letzten Mal besucht? Als er damals angefangen hatte, Wirtschaftswissenschaften zu studieren, hatte sie das amüsant gefunden, ein wenig verrucht und abenteuerlich. Ihr Sohn war ein Spion, ein Späher auf feindlichem Gebiet. Dann hatten sie ihn umgedreht. Lucian war übergelaufen, und er wischte die Teller, die sie ihm auf den Tisch stellte, noch einmal ab, bevor er davon aß. Im Frühling hatten sie ihren Abschied aus der Zivilisation gefeiert, und selbst auf diesem Fest hatte ihr Sohn sie noch überreden wollen, in der Stadt zu bleiben. Und die Augen verdreht.

Unabhängigkeit. Es ging um Unabhängigkeit. Es ging darum, ein Apfelbäumchen zu pflanzen, und dann konnte von ihr aus die ganze verdammte Welt heulend und brennend untergehen.

Die Fahrt dauerte kaum eine Viertelstunde. Das war ihre Bedingung gewesen, billig und nah an ihrem eigentlichen Zuhause. Fünf kleine, dreieckige Ferienhäuser auf einer Lichtung, die ohne sie schön gewesen wäre. Von den Wänden blätterte die Farbe ab, die Dächer waren mit Flechten bewachsen. Einem der Häuser fehlte eine Fensterscheibe. Jemand hatte die Wunde notdürftig mit Spanplatten zugenagelt. Er grinste, als er ihr die Tür aufschloss. Er grinste, wenn er nervös war. Zuerst riss sie alle Fenster auf. In den Sofapolstern hing der Geruch von Nachmittagsträgheit, von Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen bei Regenwetter und den Seufzern von Frauen, die die Arme vor der Brust verschränkten und warteten, bis der Sex zu Ende war. Die Vorhänge hatten die Farbe von Nikotin, der Teppichboden die Farbe getrockneten Blutes. Sie sah, wie er auf die Fernbedienung schielte, die auf einem Sessel lag, schnaubte und marschierte zurück zum Auto. Zuerst würde sie die Hühner aus dem Kofferraum holen.

Als sie fertig waren, roch es nach Bienenwachs und Schafwolle. Wo der Couchtisch gewesen war, stand nun ihr Spinnrad, die Regalbretter bogen sich unter gelbstichigen Taschenbüchern und Gläsern voller Birnen und Zucchini, Kürbiswürfeln und Himbeermarmelade. Er hatte gekocht, Spaghetti mit Knoblauch. Er hängte ihr vorsichtig eine Decke um die Schultern und küsste sie auf den Scheitel, als er ihr auftat. Sie lehnte sich mit dem Hinterkopf an seinen Bauch, ganz kurz nur, und ruhte sich in seiner Körperwärme aus. Beim Saubermachen hatte sie ein kleines Prospekt gefunden, das hielt er jetzt in der Hand.

„Schau mal“, sagte er, „es gibt Malkurse. Aquarell. Und Aerobic mit Erika.“

„In der Hauptsaison. Vor zwanzig Jahren.“

„Und hier in der Nähe ist ein See.“

Wasser hatte schon immer besänftigend auf sie gewirkt. Man setzte sie ans Meer oder ans Ufer eines Flusses und ließ sie starren. Einmal, das war in Amsterdam gewesen, hatte sie ihren Frieden in einer Pfütze gefunden.

„Komm, wir gehen spazieren. Wir gehen zum See.“

Sie stand auf. Sie hatte sich entspannt. Die Wut, wusste er, saß in ihren Armen. Sie machte ihren kleinen Körper steif und stark. Sie bewirkte, dass sie drastische Dinge tat. Er mochte sie lieber, wenn sie nicht wütend war. Er half ihr in den Parka und legte das Wolltuch locker um ihren Hals.

„Fein“, sagte sie.

Der See lag im Schilf verborgen, am Rand ein ausgebleichtes Tretboot. Es bewegte sich nicht, als sie hinein stieg. Er setzte sich zu ihr. Das Lenkrad hatte Brandspuren, und auf den Bug hatte jemand ein Hakenkreuz gemalt, es lag da wie eine verendete Spinne. Er erinnerte sich an andere Seen, Sommerseen, auf die sie nachts hinausgeschwommen waren, um im Wasser einen Joint zu rauchen. Einmal war Lucian auf seinem Plastikkrokodil in die Fahrrinne eines Ausflugsboots getrieben. Er hatte gerade noch gesehen, wie ein Boot voller winkender Touristen den Jungen unter Wasser drückte. Er hatte sich vorgestellt, wie der kleine Körper seines Sohnes in die Schiffsschraube gesogen und zerstückelt wurde. Nie vorher und nie wieder hatte er so große Angst gehabt. Am Abend hatte er Lucian ein Eis gekauft und fünf Runden Memory mit ihm gespielt.

„Weißt du noch?“ wollte er sagen, aber sie rüttelte an seinem Arm.

„Da. Siehst du das? Das geht doch nicht“, sagte sie. Sie stellte sich hin und rief. „Das geht doch nicht! Geh da raus! Du wirst doch –“

Am anderen Ufer stand ein kleiner Junge. Das Wasser ging ihm bis zur Hüfte. Er drehte sich um und schaute sie erstaunt an.

„Wo sind denn deine Eltern?“ rief sie.

„Was?“

„Deine Eltern!“

Sie stieg über seine Beine und ging energisch auf das Kind zu. Er sah, wie sie sich bückte. Als sie sich wieder aufrichtete, hatte sie einen Anorak in der Hand.

„Deine Kleider sind hier. Komm da raus, Kind, es ist zu kalt.“

Das Kind rannte ans Ufer. Der Mann stand auf, die Hände in den Taschen, und als er bei seiner Frau angekommen war, hatte sie schon angefangen, das Kind trocken zu rubbeln. Er hob einen kleinen Pullover vom Boden auf und zog ihn gerade. Vor ein paar Tagen hatte es zum ersten Mal Frost gegeben.

„Bist du ganz alleine hier?“ fragte sie.

Der Junge zuckte mit den Schultern.

„Wo wohnst du denn?“

Er zeigte vage in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Die Ferienhäuser, vielleicht.

„Du bist eiskalt.“

Sie zogen das Kind an, ohne einander in die Quere zu kommen. Der Junge ließ sich das gefallen.

„Es ist schon fast dunkel“, sagte sie.

„Das macht mir nichts aus.“ Das Kind lächelte. „Ich bin bald zu Hause.“

„Wie wär’s“, sagte sie, „wir nehmen dich ein Stück mit. Wo musst du denn hin?“

Das Kind zuckte mit den Schultern.

„Das findet sich schon“, sagte der Mann.


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Folge 5 – Die Aussteiger
Geschützt: Das zweite Gesicht