Der Gründer der German Rifle Association erklärt in Videos den Umgang mit Waffen. Er denkt, dass auch der Münchner Amokläufer David S. die gese­hen hat. 

Text erschie­nen bei jetzt.de

Als die Schüsse in München fal­len sitzt Marc Schieferdecker am Computer. Die gel­be NRA-Fahne hängt über sei­nem Bett: eine gif­ti­ge Schlange, die ihre Zähne zeigt. Seine eige­nen Waffen lie­gen drü­ben, neben dem Tisch, im Panzerschrank: die Pump-Gun, die sich wie ein fet­ter Mann zwi­schen die Repetierflinten drän­gelt. Und das Gewehr mit dem Standfuß, Kleinkaliber, ein Zielvisier auf dem Lauf. Auf dem Schreibtisch: ein klei­ner, unschein­ba­rer Bilderrahmen mit Herzen und der Aufschrift: „Warum ich Dich lie­be.” Eine Botschaft sei­ner Freundin.

Schieferdecker wech­selt von sei­ner Videoschnitt-Software hin­über in den Live-Stream von NTV und N24 und sieht, wie ein jun­ger Mann in Schwarz vor dem McDonald’s das Feuer eröff­net. Ihm ist schon da klar, dass die­ser Mann vom Fach ist: „Seine ruhi­ge Art, sein Gang”, sagt er. „Das lern­st du nicht am Computer per Mausklick. Das lern­st du defi­ni­tiv nur im Wald, beim rich­ti­gen Üben mit schar­fer Munition.” Mehr ahnt er da noch nicht. Nicht, wie der Tag, die­ser Tag, vie­les ver­än­dern wird. Auch ihn selbst ein biss­chen.

Der 39-Jährige kennt sich aus mit Waffen und mit ihrem Gebrauch: Schieferdecker ist Gründer der GRA – der German Rifle Association –, einer Vereinigung, die Lobbyarbeit betreibt und für libe­ra­le­re Waffengesetze kämpft. Jeder Bürger, der geis­tig gesund und nicht vor­be­straft ist, soll eine Waffe zur Selbstverteidigung tra­gen dür­fen. Um den Menschen zu erklä­ren, was es mit Waffen auf sich hat, unter­hält er außer­dem einen Youtube-Kanal: Lets Shoot – Waffen, Zombies, Unterhaltung. Einmal wöchent­li­ch, um sechs Uhr abends, pos­tet er dort sei­nen Waffenbeitrag der Woche: ob und wie man jeman­den kampf­un­fä­hig schießt, zum Beispiel. Was man für eine Waffenbesitzkarte tun muss. Oder ob man schuss­si­che­re Westen auch aus Panzertape her­stel­len kann (Antwort: nein). Dazu gibt es ein biss­chen dra­ma­ti­sche Musik, ein Intro, wie Schieferdecker selbst durch die Wohnung geht – mit Waffe im Anschlag. Und drei Einschüsse am Anfang. Etwas Rotes tropft aus den Löchern.

Schieferdecker bleibt am Freitag fast die gan­ze Nacht wach. Checkt den Liveticker, die Polizeimeldungen. Macht sich sei­ne Gedanken. Und stößt auf die Nachricht, der Täter sei tot und sei­ne Waffe eine umge­bau­te Theaterwaffe. Schieferdecker hält das für Quatsch: „Kein Laie kann eine ord­nungs­ge­mäß deak­ti­vier­te Waffe wie­der zusam­men­bau­en. Für alle Teile braucht man eine Waffenbesitzkarte. Das muss eine Salutwaffe gewe­sen sein. Die sind aber nicht deak­ti­viert. Diese Waffen sind in Deutschland sowie­so ver­bo­ten und kom­men aus der Slowakei, weil dort die Gesetze so lasch sind.”

Als der Morgen graut, hat Deutschland, haben zumin­dest Teile Münchens, ein Trauma: Erfurt, Winnenden, München. Tod. Entsetzen. Und tie­fe Trauer. Und Marc Schieferdecker aus Menden hat einen Kommentar unter einem sei­ner Waffenvideos. Folge 28, Titel: „In Deutschland legal Waffen besit­zen”. Kommentar:

Wenn du wüss­test, dass sich die­ses Video der Täter von München ange­schaut hat… Hab’s gera­de in sei­ner Playlist gefun­den.“

Wer das Internet kennt, und Schieferdecker kennt es rela­tiv gut, weiß, dass man Kommentare nicht immer für voll neh­men muss. Manchmal pöbeln auch sei­ne Zuschauer unter den Beiträgen rum. Seltener aber sei­net­we­gen: Schieferdecker ist sach­li­ch, ruhig, sehr fun­diert und abso­lut kein Hetzer. Trotzdem gibt es eben ab und an Kommentare von Menschen, die unbe­dingt erklä­ren wol­len, wie man einen Typen aus nächs­ter Nähe abknal­len soll­te, wenn man ihn nicht lei­den kann. Und natür­li­ch auch die, die erklä­ren, wor­an Merkel der­zeit schuld ist – und wor­an der Islam. Schieferdecker stört das. Sehr sogar. Aber auf so etwas ant­wor­tet er nicht. Irre gibt es schließ­li­ch über­all.

In die­sem Fall ist es anders. Er ant­wor­tet. Denn Schieferdecker ist auf­ge­wühlt durch die Taten. Er weiß, dass sei­ne Organisation sich Fragen gefal­len las­sen wer­den muss. Dass er sich Fragen gefal­len las­sen muss. Er schreibt also unter Post, dass sich das leicht sagen lie­ße – oft wür­den Leute ande­re Leute in sol­chen Situationen schnell ver­däch­ti­gen. Ob es Beweise gebe?

In den Kommentaren fällt ein Name: DiabolicPsychopath. Also goo­gelt er.

Die Suchmaschine spuckt vie­le Treffer aus. Ein Youtube-Profil. Nichts Auffälliges, fin­det Schieferdecker. „Dazu muss man aber wis­sen, dass sein Youtube-Kanal mit Google+ ver­knüpft war”, sagt er. Und ein Profil bei Google+ braucht eine Weile, bis es sich syn­chro­ni­siert – und somit gab es auf Reddit schon aller­lei Links. Und eine Debatte. Denn auf Google+ waren die Videos noch sicht­bar. Größtenteils Counterstrike-Videos. Aber auch ein paar per­sön­li­che.

Schieferdecker schaut jetzt skep­ti­sch. Was soll er noch erzäh­len? Was lie­ber nicht? Er sei oft genug von der Presse ver­ur­teilt wor­den. Seine Organisation auch. Ist den Journalisten vor ihm jetzt zu trau­en – sind sie fair? Seine Hände lie­gen starr auf den Ablagen sei­nes Stuhls. Greifen. Reiben inein­an­der. Lassen los. Wie kann er sagen, dass das nicht das­sel­be ist. Ein Schütze ist kein Amokschütze. Manchmal, ganz kurz, wir­ken sei­ne Augen dann sehr müde. Gefühle sind anstren­gend.

Argumente, kalt wie Eiswürfel

Es war nicht leicht”, betont er und greift nach der E-Zigarette. Denn Schieferdecker weiß, vie­le wer­den sei­ne Argumente nicht nach­voll­zie­hen kön­nen, sie las­sen ihn bis­wei­len kalt erschei­nen, so direkt nach einem Amoklauf. Aber er will reden. Und mit dem Rauchen auf­hö­ren.

Der Sportschütze und GRA-Gründer ist seit Jahren im ört­li­chen Schießverein tätig. Er ist, wenn man das auf Waffen über­tra­gen kann, ein Genießer. Die Rotwein-Glas-ich-höre-mitt­wochs-nur-Jazz-Fraktion unter den Schützen. Munition für sei­ne alten Gewehre ist teu­er. Fünfmal schie­ßen kann leicht fünf Euro kos­ten. „Schießen ist wie Yoga, nur mit Knarren”, meint Schieferdecker. Atmung und bei sich sein sei wich­tig. Und er ist ordent­li­ch: Die bun­ten Päckchen mit Munition lie­gen fein säu­ber­li­ch in der oberen Etage sei­nes Panzerschranks gesta­pelt. Hier kommt kei­ner ran. Außer er selbst.

Also”, macht Schieferdecker nach einer kur­zen Pause wei­ter, „habe ich mir die Videos von dem Typen ange­guckt.” Und was er sieht, ist „kru­de”, wie er es nennt: Ein jun­ger Mann, der „Abscheuliches über Menschen erzählt: Wie er sie töten wol­le. Dazu Zusammenschnitte von den Bildern der Überwachungskameras der Columbine Highschool”, erzählt Schieferdecker. Er hält den jun­gen Mann für den Täter von München. Weil man in den Videos von der Tat das Gesicht des Amokläufers aber qua­si nicht erkennt, ist das kaum mit Gewissheit zu sagen.

Aktuelle Entwicklungen deu­ten inzwi­schen, zwei Tage nach dem Gespräch des Autors mit Schieferdecker, stark dar­auf hin, dass der Account einem 15-jäh­ri­gen Schüler aus dem Kreis Ludwigsburg gehört, in des­sen Zimmer die Polizei Waffen, grö­ße­re Mengen Chemikalien und die Fluchtpläne einer Schule fand. Schieferdecker weiß das alles aber noch nicht.

Also  sucht er wei­ter. „Er hat auch vir­tu­ell im Counterstrike-Mod einen Amoklauf nach­ge­stellt und so Sachen geschrie­ben wie: ‚Gib mir Semtex und ich spreng euch alle weg!’”, erzählt er.

Was ist Semtex?

Schieferdecker pus­tet Rauch aus: „Plastiksprengstoff.”

Und was geht einem durch den Kopf, wenn man einen Kanal für Waffen betreibt, den ein Amokläufer zur Weiterbildung genutzt haben könn­te?

Ich woll­te das erst­mal nicht glau­ben. Ich dach­te: Das darf bit­te alles nicht wahr sein, was für eine Scheißwelt. Diese hem­mungs­lo­se Gewalt. Psychopathen wie der wür­den in Deutschland nie auf lega­lem Wege eine Waffe krie­gen: Eignungstest, Vorstrafenregister. Das ist alles gen­au gere­gelt”, sagt Schieferdecker. „Aber klar fing jetzt irgend­wo hin­ten im Kopf die Frage an: Spielst du jetzt eine Rolle in dem Ganzen?”

Schieferdecker recher­chiert wei­ter, es lässt ihm kei­ne Ruhe. Vielleicht gibt es noch eine ande­re Erklärung. Das Profil von DiabolicPsychopath bei Google+ ziert ein gro­ßes Bild: „Da dach­te ich: Nee, ist er das? Das ist er nicht. Er hat kei­ne Ähnlichkeit.” Wenig spä­ter stellt er fest: Das Bild zeigt Eric Harris, den Mörder von der Columbine High, läs­sig auf einer Bank leh­nend. DiabolicPsychopath bete­te ihn regel­recht an. „Heil Eric Harris”, steht da zum Beispiel. Und in der Profilbeschreibung: „Ich weiß nichts zum Amoklauf in München. Rest in Peace.” Letzte Aktualisierung vor zwei Tagen. Wie ist das mög­li­ch? Freunde? Geschwister? Eltern? Ein Türstopper für die Boulevard-Presse?

Oder doch ein Fake?

Viele ande­re sind da bereits auf der ähn­li­chen Spur, eini­ge ver­ir­ren sich auf die Profile, einer pos­tet: „Super, dass Du die Deutschen getö­tet hast!”

Für Schieferdecker läuft alles jetzt immer schnel­ler ab. Unter dem Usernamen fin­det er auch ein Profil bei der Games-Plattform Steam. Der Spieler mit dem Namen DiabolicPsychopath hat dort meh­re­re Aliasnamen zum Spielen ange­legt. Einer davon: „Eric Harris”. Würde pas­sen. Sein Konto zeigt: Neben Strategiespielen wie „Age of Empires” spiel­te er vor­nehm­li­ch Ego-Shooter. Allen vor­an „Counterstrike Source” (etwa 377 Spielstunden), sowie „Hatred” (40 Stunden). Außerdem fin­den sich Spiele wie „Postal” dar­un­ter, die so gewalt­ver­herr­li­chend sind, dass nam­haf­te Games-Magazine sich wei­gern, sie zu bespre­chen. Wenn sich Gamer selbst für die Indizierung eines Titels aus­spre­chen, sagt das sehr viel. Counterstrike ist ein Sport in der Szene. Bei „Postal” benutzt man als Schalldämpfer eine leben­di­ge Katze auf dem Lauf, erschlägt Leute mit Spaten und uri­niert auf das Grab sei­nes Vaters. Als Missionsziel.

Auf dem Profil von DiabolicPsychopath fin­det sich schließ­li­ch noch ein paar Gruppen. Eine trägt den Namen „Columbine Mafia”. „Und in eini­gen las ich, wie total ver­herr­li­chend über den nor­we­gi­schen Amokläufer Brevik gere­det wur­de”, sagt Schieferdecker. Die meis­ten Mitspieler der „Columbine Mafia” schei­nen vom Namen her Amerikaner zu sein.

Gib mir Semtex und ich spreng euch alle weg!”

Dann öff­net Schieferdecker den per­sön­li­chen Kommentarbereich auf der Seite von DiabolicPsychopath – die Gamer spre­chen sich dort manch­mal auch mit Klarnamen an. Der Name, den sie für DiabolicPsychopath ver­wen­den: David.

Wahrscheinlich han­delt es sich auch hier um eine Verwechslung. Wie Schieferdecker gehen inzwi­schen auch vie­le der User davon aus, dass es sich um den Account das Täters han­delt. Für ihn, so sagt Schieferdecker, herrsch­te nun jeden­falls Gewissheit: Einer sei­ner Zuschauer, einer der­je­ni­gen, die sei­ne Waffenerklärvideos geli­ket und emp­foh­len haben, war: David S. Der Amokschütze von München.

Ich war fas­sungs­los”, sagt Schieferdecker. Und wäh­rend er das sagt, klingt er wirk­li­ch betrof­fen. „Natürlich habe ich mir anfangs Vorwürfe gemacht. Ich dach­te: Bist du jetzt mit­ver­ant­wort­li­ch, weil du die­se Videos gemacht hast? Aber ich fin­de: Nein, bin ich nicht.” Das eine, fin­det er, habe näm­li­ch nichts mit dem ande­ren zu tun. David S. sei ein Psychopath, – er, Schieferdecker, sei ein rechtstreu­er und ver­ant­wor­tungs­vol­ler Bürger, der sich an Gesetze hal­te und sei­ne ihm zuste­hen­de Freiheit nut­ze. Er besit­ze Waffen legal. Und das sei auch Inhalt sei­ner Videos. „Es ist in Deutschland leich­ter, eine ille­ga­le Waffe zu besor­gen, als legal an eine zu kom­men”, erklärt er. „Wir haben über 20 Millionen ille­ga­le Waffen im Land, und Kriminelle wer­den sich nie an Waffengesetze hal­ten.”

Er macht jetzt wenig Pausen beim Reden. Wenn, sagt der Waffenaktivist, müs­se man den Schwarzmarkt aus­trock­nen. Von lega­len Waffenbesitzern gin­ge kei­ne Gewalt aus. „Immer, wenn etwas Schlimmes pas­siert, rufen alle nach schär­fe­ren Waffengesetzen”, sagt Schieferdecker. Er klingt jetzt auch wütend oder jeden­falls frus­triert. „Das ist Quatsch: Deutschland hat schon sehr stren­ge Waffengesetze, eigent­li­ch zu stren­ge, und Waffen sind nicht böse – es ist nur der Mensch, der böse ist und die Waffe führt.” Allein die abschre­cken­de Wirkung, die eine Schusswaffe habe, sagt er dann noch, hät­te „einen Konflikt been­den kön­nen, ohne dass auch nur ein ein­zel­ner Schuss hät­te fal­len müs­sen.”

Und wenn Schieferdecker das sagt, klingt er, als wür­de er das wirk­li­ch glau­ben: Dass ein Amokläufer, der sich am Ende sei­ner Taten selbst töten wird, so etwas wie eine abschre­cken­de Wirkung wahr­nimmt. Sich von etwas abschre­cken lässt.

Also direkt gefragt: Hätte der Täter einen Rückzieher gemacht – ein Täter wie Eric Harris oder David S.? Schieferdecker über­legt. Er weiß, dass das hier eine gro­ße Diskussion wird. Und er will sich ihr stel­len. Er will kei­ner von denen sein, die jetzt nicht spre­chen. Marc Schieferdecker ist kein Freak. Er IST der net­te jun­ge Mann von Nebenan, der alten Frauen über die Straße hilft und Flüchtlinge in den Schießverein inte­griert. Repräsentiert er damit die Mehrheit der Szene? Oder die Minderheit? Oder ist die Frage völ­lig egal, solan­ge es eine Minderheit gibt?

Die „Columbine Mafia” zählt der­zeit 59 Mitglieder, und sie spielt immer noch. Nicht allen wird man mit phra­sen­haf­ten Verurteilungen wie „ticken­de Zeitbombe” gerecht – viel­leicht sogar gar kei­nem. Aber ist es des­halb para­no­id zu fra­gen, wer die­se Leute sind? Was mit einem Menschen los sein muss, dass er einen sol­chen Namen für eine Spielgruppe wählt?

Und ist man vor­ur­teils­be­las­tet, wenn es einen frös­telt, wenn Schieferdecker, der net­te Mann von neben­an, ab und an Argumente vor­bringt, die so kalt sind, als kämen – direkt nach einem Amoklauf – Eiswürfel aus sei­nem Mund: „Das Problem ist doch, dass wir Psychopathen nicht ver­hin­dern kön­nen: Die sind über­all. Aber eine Waffe in der Hand eines rechtstreu­en Bürgers zur Selbstverteidigung hät­te den Täter wohl­mög­li­ch stop­pen kön­nen.” Und über­haupt dür­fe man jetzt nicht alle über einen Kamm sche­ren. Man dür­fe ja auch nicht alle Flüchtlinge ver­ur­tei­len, nur weil einer in Würzburg Amok gelau­fen ist. „Wir sind lega­le Waffenbesitzer. Wir sind Sportler. Wir lie­ben unser Hobby. Wir schie­ßen nicht auf Menschen, nicht mal auf men­schen­ähn­li­che Ziele.” Und in sei­nem Kanal gehe es auch nicht um Gewalt. „Ich habe mir da nichts vor­zu­wer­fen.”

Inzwischen wirkt er auf­ge­wühlt. „Wir sind als Bürger auch die, die in der ers­ten Reihe ste­hen, auf die geschos­sen wird, wie in München, lan­ge bevor die Polizei ein­trifft”, sagt er. „Jeder gute Bürger soll­te in einem frei­en Land das Recht haben, zur Selbstverteidigung Waffen zu besit­zen. Das ist auch eine Frage des Vertrauens, das ein Staat sei­nen Bürger ent­ge­gen­bringt.” Ein Täter stel­le auch eine Kosten-Nutzen-Rechnung auf: „Und viel­leicht ent­schei­den sich so poten­zi­el­le Täter eher dage­gen. Weil das Risiko grö­ßer ist, wenn man sich weh­ren kann.”

Kosten-Nutzen-Rechnung. Abschreckung. Rationalität. Ist das das seman­ti­sche Feld, in dem sich Menschen bewe­gen, die den Namen „Columbine Mafia” wäh­len? Das ist kei­ne rhe­to­ri­sche Frage. Das ist eine ernst­ge­mein­te. Ja? Nein? Vielleicht?

Kann man genug über Menschen wis­sen, um ihnen Waffen für den Privatgebrauch zu geben? Täter klau­en Waffen auch von ihren Eltern, die Sportschützen sind. Sie bau­en sie selbst. Täter sind nicht so ratio­nal wie Marc Schieferdecker, der Gründer der GRA, und sei­ne Kollegen.

Er pres­st die Lippen auf­ein­an­der. „Die Woche war hart für mich, da bin ich ehr­li­ch”, sagt er. „In Frankreich wur­de einem Kirchenmann die Kehle durch­ge­schnit­ten – mit einem Messer.”

Aber ändert das nicht Deine Meinung über Waffen?

Nein”, sagt er dann. „Es ist ein­fach eine Scheißwelt und über­all ren­nen die­se Bekloppten rum. Die bekom­men heut­zu­ta­ge jeder­zeit irgend­wo eine Schusswaffe. Man muss die Ursachen von Gewalt bekämp­fen.” Seine Augen sehen wäss­rig aus. Er stockt kurz. Wut? Trauer? Frust? Er sei kei­ner von denen, sagt er. Und man müs­se Unterschiede machen.

Am Ende ist es wohl eine Frage des inne­ren Mobiliars eines Menschen. Was mehr zählt: Die gel­be NRA-Fahne an der Wand. Oder der klei­ne Bilderrahmen mit der Aufschrift: „Warum ich Dich lie­be.”

 

Alexander Krützfeldt

Ist eigentlich ausgebildeter Tageszeitungsredakteur. Merkt man aber heute auch nix mehr von. Alexander Krützfeldt arbeitet zu den Bereichen Justiz, Kriminalität, Missstände im Allgemeinen (was oft auch sein eigenes Leben betrifft) und schreibt ausschließlich Reportagen und Portraits im New-Journalism-Style. Glaubt er jedenfalls.

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