Wolfgang ist Schamane. Eigentlich woll­ten wir uns mit ihm über unse­re Probleme unter­hal­ten. Aber es ging dann um sei­ne. Auch ne Menge.

Du kenn­st doch Indianer“, beginnt Wolfgang, der Schamane, nackt, und blickt über sei­nen Garten wie Christoph Kolumbus über die Küste Nordamerikas. „Indianer neh­men sich als eins mit der Umwelt wahr. Sie spre­chen zu ihren Vorfahren, sie betrach­ten sich als von Geistern umge­ben. Und Geister sind über­all. Energie ist über­all.“

Wolfgang ist Ende fünf­zig. Er füh­le sich zwar wie Mitte zwan­zig – und „das sieht man doch auch“, sagt er lachend. Das Gefühl viel­leicht mag stim­men, sein Gesicht aber durch­zie­hen tie­fe Furchen wie Kerben ein oft benutz­tes Küchenbrett.

Das hat mit sei­ner Biografie zu tun. Wolfgang war nicht sein gan­zes Leben ein frei­er Mensch und Geistheiler – Schamane, wie man auch sagt. Oder Meister, wie er sich nennt.

Sein Leben ver­lief, wie Leben ver­lau­fen: kreuz und quer wie ein Säufer, der sei­nen Weg von der Bar nach Hause sucht. Die ers­te Hälfte sei­nes Lebens hat­te Wolfgang ver­sucht, alles zu errei­chen, die zwei­te, alles wie­der los­zu­wer­den. Und seit­dem ist er auch Schamane.

Wolfgang leb­te kurz vor der Jahrtausendwende in Jena. Er war Energieberater und Wärmedämmer für Immobilien. Das Geschäft lief gut. „Damit habe ich es zu einem statt­li­chen Vermögen gebracht“, sagt er. Porsche  in der Einfahrt. Edel-Büro mit gro­ßen Fenstern in der Innenstadt. „Ich hat­te alles und war Millionär“, sagt Wolfgang. „So gese­hen: ein per­fek­tes Leben.“ Dann pas­sier­te die Sache mit sei­nem Sohn.

Der Anruf kam abends. Wolfgang saß noch im Büro. Zu sei­nen Kindern und sei­ner Frau habe er wäh­rend die­ser Zeit kaum ein rich­ti­ges Verhältnis gehabt. Die Zeit, sie fehl­te. Die Lust manch­mal auch. Stress bei der Arbeit und Stress zu Hause. Wolfgang weiß noch gen­au: Als er den Hörer abnahm, schien es ihm, als wür­de sein Leben einen Moment anhal­ten und Luft holen, bevor es bereit war, ihm alles zu erklä­ren. „Das Krankenhaus war dran“, sagt Wolfgang und nimmt sich ein Hemd. „Etwas stimm­te mit mei­nem Jungen nicht.“

Die Ärzte hat­ten Wolfgangs Sohn unter Beruhigungsmittel gesetzt. Ob er bit­te schnell kom­men kön­ne, fra­gen die Ärzte, sein Sohn habe offen­bar zu viel gefei­ert und eine außer­kör­per­li­che Erfahrung gemacht, bei der er sich selbst von oben gese­hen hat­te. Wolfgang springt auf, fährt ins Krankenhaus. Sie reden von Psychiatrie.

Ich hat­te wahn­sin­ni­ge Angst um ihn. Auf der Autofahrt dach­te ich nur: Sie dür­fen ihn da nicht weg­sper­ren. Mein Sohn wird nicht debil auf irgend­wel­chen Tabletten in einem geschlos­se­nen Zimmer ohne Vorhänge vor sich hin­sie­chen.“ Als er das Krankenhaus erreicht, kann er die Ärzte über­zeu­gen. Sein Sohn darf nach Hause und erklärt ihm alles.

An die­sem Abend erfährt Wolfgang zwei Dinge über sein Leben, die er noch nicht wuss­te: a) dass er „sei­nen Jungen“ kaum rich­tig kennt, weil er nie Zeit für ihn hat­te, und des­we­gen auch gar nicht weiß, was der tut und was ihm viel­leicht Sorgen macht, und b) dass Drogen einen vom Körper ent­fer­nen, sei es nur Cannabis, und man dann Dinge sieht, die nicht da sind. Oder: Sind sie viel­leicht da – und man sieht sie nur nicht?

Wolfgang beginnt zu recher­chie­ren. Stößt schnell auf Schamanismus-Literatur. Theorien. Größer als er selbst, und älter.

Ich saß da“, sagt Wolfgang und gießt mit dem Wasserkocher etwas Kaffeepulver auf, „und war fas­sungs­los: Ich begann, zu ver­ste­hen. Wie lang­sam fal­len­de Dominosteine. Da war so viel mehr. So viel, das mir fast schwin­de­lig wur­de. Ich dach­te doch bis­her immer: Das Leben ist gut zu mir. Du kann­st dich nicht beschwe­ren. Du hast Geld, eine net­te Frau, Kinder, ein tol­les Büro. Sogar einen Porsche, um den mich alle Nachbarn benei­den.“

Drogen, sagt Wolfgang, kann­te er nur aus der Zeitung. „Drogen, das impli­ziert etwas Böses. Das ist wie das Wort Unkraut. Ein Gewächs, das nicht wach­sen soll. Aber das ist Unsinn: Es gibt nichts, was nicht wach­sen soll. Ein voll­kom­men künst­li­ches Wort.“

Wolfgang stellt das Weidenkörbchen neben sei­nen Stuhl: Frischer Salat aus dem Garten. Auf dem Tisch ste­hen wil­de Blumen und ein klei­ner Apfel liegt dane­ben. Mit brau­nen Stellen. Sieht auch aus wie das Cover der Landlust zum Thema Herbst. „Plötzlich mach­te das alles Sinn“, sagt er und nimmt sich einen Kaffee. „Und das, was vor­her für dich Sinn ergab, mach­te kei­nen mehr.“

Er reicht mir eine Tasse, schiebt mir Wasserkocher und Kaffeepulver rüber und macht sich über den Kuchen her, den wir mit­ge­bracht haben.

Hast du Milch?“, fra­ge ich Wolfgang.

Milch? So etwas trin­ke ich heu­te nicht mehr“, ant­wor­tet er, schüt­telt den Kopf und pus­tet über den Kaffee, an des­sen Rändern sich das schwar­ze Pulver absetzt. Wir betrach­ten eine Weile stumm sei­nen Garten, als hät­te er gera­de etwas sehr Wichtiges gesagt oder eine Flüchtlingsfamilie geret­tet.

Sein Sohn, so sagt er, habe ihm erzählt, er hät­te ledig­li­ch das Wochenende zuvor viel Gras geraucht. Ein paar Tage spä­ter, am Tag, an dem sich auch das Krankenhaus mel­de­te, habe er mit ein paar Freunden an der Bushaltestelle gestan­den. Plötzlich, mit­ten im Gespräch, sah er sich dabei von oben. Wie er rede­te. Wie er da stand. „Ich dach­te doch auch zuer­st“, sagt Wolfgang, „der ist völ­lig ver­rückt.“

Er recher­chiert die Kulturgeschichte von Cannabis und ande­rer Rauschdrogen und beschließt kurz dar­auf, sei­nen Besitz zu ver­schen­ken und sich einen alten, kaput­ten Hof zu kau­fen. Er beginnt, Gras zu rau­chen. Zunächst, um es aus­zu­pro­bie­ren. Als er merkt, was es mit ihm macht, beschließt er, dass es Zeit sei, „Energieberater in eige­ner Sache zu wer­den. Und seit­her lebe ich hier“, sagt der Schamane und blickt über die gel­ben Zucchini und die Wildkräuter. „Mehr brau­che ich nicht als die­sen Garten. Ich übe Verzicht und fres­se auch kei­nen Dreck mehr. In den Lebensmitteln ist ja sowie­so nur Gift. Und wenn du mich fragst: Ich war nie glück­li­cher als jetzt. Wer wenig braucht, ist mit wenig zufrie­den.“

Vor kur­zem habe er die Eigenurintherapie für sich ent­deckt, sagt Wolfgang und schiebt mir den Kuchen her­über. „Seither trin­ke ich jeden Morgen ein Glas Urin. Man kann sich auch pri­ma damit ein­rei­ben. E ist sehr gut für die Haut.“

Ich schie­be den Kuchen bei­sei­te.

Wolfgang“, fra­ge ich dann. „Gibt es auch böse Geister?“

Was mein­st du?“

Naja. Ich den­ke da an Mama aus MAMA, den Psychojungen von The Sixt Sense oder Samara aus The Ring. Kinder, die in Brunnen fal­len und ertrin­ken, und anschlie­ßend ein wenig aso­zi­al auf Nähe und Fürsorge reagie­ren?“

Wolfgang schüt­telt den Kopf.

Oh Mann“, sagt er dann und seufzt. „Nein. Es gibt kei­ne bösen Geister. Geister sind uns immer wohl­ge­stimmt, es gibt über­haupt nichts grund­sätz­li­ch Böses in die­ser Welt – die Teilung in Gut und Böse hat sich auch der Mensch aus­ge­dacht. Wieso, glaub­st du etwa dar­an?“

Schon.“

Siehst du, das ist, was ich mei­ne: Diese Angst. Überall ist Angst. Alle fürch­ten sich stän­dig und vor allem Möglichen: vor Flüchtlingen, dass wir krank wer­den, vor Armut. Es ist aber nichts da drau­ßen, wovor wir Angst haben müss­ten. Trotzdem sind wir zu einer Gesellschaft der Angst gewor­den.“

Und das wie­der­um, meint Wolfgang, mache unse­re Körper krank. „Ich habe damals von all dem nichts gewusst. Im Nachhinein muss ich sagen: Ich war krank. Ich hat­te Angst. Angst, den Job zu ver­lie­ren. Angst, Zuhause nicht zu genü­gen. Wenn du erkenn­st, dass das rein gar nichts ist, was dir Angst machen soll­te, das ist wie eine Befreiung“, sagt Wolfgang.

Auf sei­nen Reisen hat Wolfgang die­se Befreiung erlebt: In China, als er einem Zen-Mönch begeg­ne­te. Und der ihn nur ansah und sag­te: Du bist ein Meister. „Ich bin gar nichts, habe ich gesagt.“ Wolfgang lacht. „Aber er sah mich nur an und sag­te: Du wirst es erken­nen, wenn die Zeit dafür gekom­men ist. Das hat mich total umge­hau­en. Und auch bestä­tigt in mei­nem Weg.“

Auf sei­ner Südamerika-Reise habe er natür­li­ch auch Ayahuasca und Pilze genom­men. Er zeigt uns auf dem Computer ein Video eines sol­chen scha­ma­ni­schen Ayahuasca-Rituals. Es ist künst­le­ri­sch ver­frem­det, macht aber alles ande­re als Lust drauf. „Sich 48 Stunden lang ein­schei­ßen, naja“, sagt Wolfgang. Das müs­se nicht sein. Der Lianen-Mix, eine bräun­li­che Flüssigkeit, obwohl flüs­sig wohl das fal­sche Wort dafür ist, wirkt stark sin­nes­ver­än­dernd und schärft das Gehör. Es kommt zu star­kem Schwindel und in den ritu­el­len Zeremonien tre­ten die Betroffenen ihren Ahnen ent­ge­gen. Oder es offen­bart sich die Mitte des Universums. Amerikanische Forscher mei­nen her­aus­ge­fun­den zu haben, dass lang­jäh­ri­ge Ayahuasca-Trinker eine sta­bi­le­re Persönlichkeit ent­wi­ckeln, ein bes­se­res Gedächtnis sowie eine bes­se­re Integration in ihr sozia­les Umfeld. Er schal­tet sei­nen Mac-Computer ab, nach­dem das Video been­det ist und wie­der der Ladebildschirm erscheint.

Von die­sen Geistern, die wir son­st nicht sehen, sind wir immer umge­ben“, sagt Wolfgang, geht hin­aus und wäscht sei­ne Hände in einem klei­nen, wei­ßen Waschbecken, das in einem Metallgestell im Innenhof steht und des­sen Wasser in der Sonne glit­zert. Eine gel­be Seife und ein Lappen lie­gen dane­ben. Fließendes Wasser gibt es hier nicht. „Und zu die­sen Geistern kön­nen wir spre­chen, wir kön­nen sie uns bewusst­ma­chen, sie beglei­ten und schüt­zen und tei­len sich uns mit. Dafür brau­che ich aber kei­ne Drogen“, erklärt der 57-Jährige und zieht an sei­ner Sportzigarette. „Das kann ich auch so.“

Die Kontaktaufnahme zu Wesen der Außenwelt nennt Wolfgang sei­ne „klei­ne Stimme im Kopf“. Sie spricht, min­des­tens ein­mal im Jahr von sich aus, und son­st, wenn er sie fragt. Sie stellt Wolfgang aber auch Fragen. Es ist die­sel­be Stimme, die ihm ein­st im Büro in Jena Fragen zu sei­nem Leben stell­te, in der Nacht, als sie sei­nen Sohn auf Beruhigungsmittel setz­ten: „Wo bist du, Wolfgang. Was machst du? Und war­um?“

Wolfgang ant­wor­tet dann zum Beispiel: Ich ste­he gera­de im Regenwald, in Südamerika. Ich mache eigent­li­ch nichts wei­ter. Warum? Naja. Weil ich es kann! Er lacht immer und guckt ein wenig tri­um­phie­rend, wenn er die­se Geschichte erzählt.

Manchmal, wenn er bei Freunden zu Besuch ist und kein Geld für ein Taxi hat, denn er lebt ja ohne, dann läuft er halt die 25 Kilometer zurück. Weil er es kann. Regen mache ihm nichts aus, Anstrengung mache ihm nichts. „Alles eine rei­ne Willensfrage“, sagt Wolfgang. Und wenn er auf eine Party nach Jena möch­te, dann trampt er meh­re­re Stunden. Und wenn er da ist, aber kein Geld hat, dann wird ihm jemand hel­fen. „Klopfe, und dir wird auf­ge­tan“, nennt Wolfgang das. „Wenn du ein guter Mensch bist und gute Absichten hast, mer­ken die Menschen das. Und sie wer­den dir hel­fen. So ein­fach ist das.“ Mit sei­nen fri­sch gewa­sche­nen Fingern greift er ein Bier aus dem Kasten, der im Garten steht. „Man weiß abso­lut nichts über sich selbst, wenn man nicht bereit ist, sei­ne eige­nen Grenzen zu über­win­den. So ist das auch mit der Bewusstseinserweiterung. Wir leben in Grenzen einer voll­stän­dig kon­stru­ier­ten Welt.“ Schamanismus, das sei eben auch Disziplin. Überwindung. Und Willen. „Wenn du all das respek­tier­st, dann sind Körper und Geist in Einklang. Dann wirst du glück­li­ch und zufrie­den sein. Und gesund. Ein Körper, der krumm geht und Schmerzen hat, ist ein Körper, des­sen Seele lei­det. Psychologisches hat einen star­ken Einfluss auf uns.“

Sein Verhältnis zu sich und den Kindern habe sich gebes­sert, meint Wolfgang, als wir ins Auto stei­gen, um ihn ein Stück Richtung Supermarkt mit­zu­neh­men. Wenn sei­ne Kinder zu Besuch kom­men, ste­cken sie ihm manch­mal etwas Geld zu. „Aber das ist nicht, weil ich es will oder ein­for­de­re“, sagt Wolfgang lachend. „Sie machen das ein­fach, weil sie es möch­ten. Alles, was pas­sie­ren soll, pas­siert. Und wenn es aus frei­en Stücken pas­siert, ist es gut.“

Unser schwar­zer Bus schiebt sich gemäch­li­ch auf den Parkplatz wie ein alter Wal. Wir beglei­ten Wolfgang in den Supermarkt. Ein Bier kann man nach Abschluss einer Story schon zusam­men trin­ken. „Jörg“, sagt Wolfgang und legt sei­nem Freund und Fotografen die Hand auf die Schulter: „Ist es okay, wenn du das Bier bezahl­st? Du weißt schon.“ Jörg nickt. Ich sage, dass wir auch etwas klei­nes Essen könn­ten, denn den selbst­ge­pflück­ten Salat hat­te Wolfgang über das Interview ver­ges­sen. „Eine Bratwurst viel­leicht“, sagt Wolfgang. „Mit Senf. Der ist gut und sehr gesund. Enthält vie­le wich­ti­ge Wirkstoffe.“

Wir nicken.

Als wir die Kasse errei­chen, hat Wolfgang bereits alles aufs Band gelegt: einen Tabak, lan­ge Blättchen, eine Flasche Obstschnaps, zwei Schokoladen, zwei Packungen Käse, eine davon ein gan­zes Stück Parmesan, sowie die bil­ligs­ten Bratwürsten, die er fin­den konn­te. Sogar in Plastik ein­ge­schweißt. Keinen Euro die Packung. Jörg blickt arg­wöh­ni­sch auf die Registrierkasse: 53 Euro und 40 Cent.

In die­sem Moment geht es mir wie Wolfgang: „Plötzlich mach­te das alles Sinn“, hat­te im Garten gesagt und sich einen Kaffee genom­men. „Und das, was vor­her für dich Sinn ergab, macht kei­nen mehr.“

Alexander Krützfeldt

Ist eigentlich ausgebildeter Tageszeitungsredakteur. Merkt man aber heute auch nix mehr von. Alexander Krützfeldt arbeitet zu den Bereichen Justiz, Kriminalität, Missstände im Allgemeinen (was oft auch sein eigenes Leben betrifft) und schreibt ausschließlich Reportagen und Portraits im New-Journalism-Style. Glaubt er jedenfalls.

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