Was pas­siert, wenn Gemeinschaften so sehr unter sich blei­ben, dass sie das Gesetz nicht als bin­dend betrach­ten? Wenn das mit­ten in Deutschland geschieht, im Jahr 2016? Ein Besuch.

Text erschie­nen bei Süddeutsche Zeitung

Kurz bevor die Richter sich set­zen, atmet Missery tief durch. Beruhigt sich. Blinzelt. Sie weiß, dass das, was jetzt kommt, über mehr ent­schei­den wird als über die Frage, ob sie dem­nächst ins Gefängnis muss. Missery ist ein ruhi­ges, zier­li­ches Mädchen, Spitzname „Bambi”. Sie blickt die Richter nicht an. Ihr Blick wan­dert zu ihren Eltern, die im Publikum sit­zen, sie sind hier die eigent­li­chen Richter; sie ent­schei­den über ihr Leben.

Jede Kultur hat ihre Regeln und Riten. Aber was, wenn sich eini­ge davon nicht mit dem deut­schen Gesetz ver­tra­gen? Wenn Gemeinschaften unter sich blei­ben, auch Deutsche, wenn sie jeden Kontakt zur Außenwelt mei­den? Was ist, wenn eige­ne Regeln über denen ste­hen, die für alle gel­ten — und die der Staat schüt­zen muss? Gerichte, die ohne Moral ent­schei­den sol­len, sehen sich dann mit Begriffen wie „Ehre”, „Reinheit” oder „Männlichkeit” kon­fron­tiert. Für die­se Familienregeln hat sich der Begriff der „Parallel- oder Gegenjustiz” eta­bliert: Sie wird ange­wen­det, wenn gel­ten­des Recht abge­lehnt wird, um Streits in Gemeinschaften zu schlich­ten — aber auch, wenn die Kenntnis über die Gesetze fehlt. Das Bundesjustizministerium hat im Jahr 2014 eine Studie beauf­tragt, die nahe­legt, dass „es sinn­voll erscheint, die­sem Bereich beson­de­re Aufmerksamkeit zu wid­men”.

Dieser Bereich: Das ist die Welt, in der sich auch Missery bewegt. Beim der­zeit lau­fen­den Gerichtsprozess in Verden, Niedersachsen, ist sie die Angeklagte. Man kann bei die­sem Prozess gut sehen, wie es zugeht in die­ser Welt.

Im März die­ses Jahres stach Missery ihre Cousine Angela — bei­de Sinti und Roma, bei­de einst­mals bes­te Freundinnen — mit vier Messerstichen auf einem Parkplatz nie­der. Das bestrei­tet sie nicht. Es ging um einen Mann: Serrano. Er ist der Ehemann von Angela — und Misserys Onkel, Bruder ihres Vaters. Angela D. über­leb­te nur knapp, sie erlitt Stiche in den Brustbereich und in die Leber. Stiche, die man gezielt setzt, sagt die Staatsanwaltschaft Verden und wirft der 19-Jährigen vor, ihre Cousine in vol­ler Tötungsabsicht ver­letzt zu haben. Sie sei in Serrano, ihren Onkel, ver­liebt gewe­sen und habe mit ihm eine Affäre geführt. Der Verteidiger von Missery D., Rechtsanwalt Nicolas Alexander Frühsorger, hält dage­gen: Serrano habe ihr, Missery, Avancen gemacht — nicht umge­kehrt.

In jedem Fall: eine Schande für min­des­tens eine der bei­den Sinti-Familien, die es zu beglei­chen galt.

Vor dem Prozess hat­te es Morddrohungen gege­ben, die so ern­st waren, dass Missery in der U-Haft gera­ten wur­de, zum Prozess eine schuss­si­che­re Weste zu tra­gen. In der Reihe hin­ter Misserys Eltern sit­zen zwei Polizisten in Zivil, vor der dicken Glasscheibe vier wei­te­re Beamte, die die Familien-Clans in einem Spalier tren­nen soll­ten. Einer der Beamten spielt ver­träumt an sei­nem Handschuh. Bis auf Misserys Eltern ist nie­mand gekom­men.

 In der Unterbrechung fleht die Staatsanwältin die Angeklagte an: auf Knien

Möchte Ihre Mandantin Einlassungen zur Sache machen?”, fragt der Vorsitzende Richter, Joachim Grebe. „Nein”, sagt Verteidiger Frühsorger. „Auf kei­nen Fall. Ihre Eltern sind hier, die Presse.” — „Auch nichts Biografisches?” — „Nein.” — „Verstehe ich Sie rich­tig”, ver­sucht es der Richter wie­der: „Sie will nichts sagen, weil es die Familie oder Öffentlichkeit son­st erfährt?” Der Anwalt nickt. „Wir befürch­ten”, sagt Frühsorger, „dass, wenn Details an die Presse gelan­gen, es Krieg gibt zwi­schen den Familien. Wir wür­den die Öffentlichkeit ger­ne aus­schlie­ßen las­sen.”

Der Richter lehnt ab. Sehr wohl kön­ne man die Öffentlichkeit aus­schlie­ßen, wenn Missery von sexu­el­len Handlungen erzäh­len woll­te, denn die Frage lau­tet ja: Hatten sie und Serrano ein Verhältnis — und wenn ja: Wer hat es begon­nen, und wie? Aber nicht gene­rell, dies sei ein öffent­li­ches Gerichtsverfahren.

Missery weint, zieht ihr schwar­zes Tuch über den Kopf. An der Innenseite ihres Arms zie­hen sich klei­ne Narben hin­auf, von Verletzungen, die man sich selbst bei­bringt. Das bestä­tigt der Verteidiger spä­ter.

Bei einer Hausdurchsuchung bei den Eltern — in der Hoffnung, Kommunikationsdaten zu bekom­men — fand die Polizei nichts. „Es gibt nur die Chat-Protokolle auf den Handys von Angela und Serrano”, merkt der Verteidiger an. „Wir woll­ten die Handys der Eltern ja ein­sam­meln”, sagt Annette Marquardt, die Staatsanwältin. „Aber da hieß es: Wir haben kein Telefon.” Sie glaubt das nicht, natür­li­ch nicht: Wer hat heu­te schon kein Telefon.

Als die Sitzung spä­ter unter­bro­chen wird, steht die Staatsanwältin auf, geht um ihren Tisch, setzt sich neben Missery. „Pass auf”, sagt sie, „ich kann das so nicht mehr mit anse­hen.” Sie sagt es laut genug, dass die Pressevertreter es hören kön­nen.

Ich weiß, dass du Angst hast.” Sie wis­se doch, was los ist. Aber sie müs­se reden; ohne Reden gin­ge es nicht. „Sie hat kei­ne Freunde”, sagt der Verteidiger für­sorg­li­ch, sie kön­ne doch nir­gend­wo hin, wenn die Familie sie aus­schlie­ße. Aber wenn sie gar nichts sage, erwi­dert die Staatsanwältin, ver­ste­he man ihre Lage nicht — und kön­ne also auch nichts zu ihren Gunsten fin­den. Sie bekniet Missery. Eine unor­tho­do­xe Methode, die aber Wirkung zeigt. „Okay”, sagt die 19-Jährige dann. Aber nur Biografisches.

Kulturkreise, die nach eige­nen Gesetzen leben, haben eines gemein­sam: ein aus­ge­präg­tes Misstrauen gegen­über der staat­li­chen Justiz. Bei den Sinti und Roma resul­tiert das Misstrauen aus ihrer eige­nen Geschichte her­aus; aus Zeiten, in denen sie ver­leum­det, ver­folgt wur­den. Menschen wie Missery, die mit die­sem Misstrauen auf­ge­wach­sen sind, kön­nen spä­ter kaum anders, als das Gesetz anzu­zwei­feln.

Ihr Leben, erzählt sie, sei von Reisen mit dem Wohnwagen durch Deutschland geprägt gewe­sen. Ihr Lebensmittelpunkt war die Familie, ihre drei Brüder, und Angela, ihre Cousine und bes­te Freundin. Zeitweise besuch­te Missery die Hauptschule. Sie ging kaum hin. Ihr Vater fuhr tags­über mit dem ältes­ten Bruder in einem Lieferwagen über das Land, bot sich für kurz­fris­ti­ge Reparaturen an. Wenn die Familie mit den Wohnwagen reis­te, und das pas­sier­te oft, reis­te sie ziel­los.

Es ist wich­tig, die kul­tu­rel­len Besonderheiten der Sinti und Roma zu ver­ste­hen”, sagt der Verteidiger. Der Konflikt zwi­schen den bei­den soll­te fami­li­en­in­tern durch ein Duell gere­gelt wer­den, es ging um die Ehre. Angela hat­te Misserys Vater alles erzählt, in der Hoffnung, er unter­bin­de das „Treiben”. Misserys Vater wie­der­um habe ihr nicht geglaubt und sei­ner Tochter gesagt, sie sol­le „Angela mit einem Messer rasie­ren” und die Kontrahentin im Gesicht schnei­den. Missery aber habe gedacht, ihr blü­he das­sel­be Schicksal durch Angela, damit sie nicht mehr attrak­tiv ist für Serrano.

Serrano? Er sagt dem Gericht ab, er ist nicht der Einzige — ein Teil der Zeugen gehört zur Familie und macht vom Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Angela, die Geschädigte und Nebenklägerin, lässt sich durch ihre Anwältin ver­trös­ten: Sie kön­ne nicht kom­men, einer Videovernehmung stim­me sie zu. Das Gericht fin­det das befremd­li­ch. Im Vorraum: wei­te­re Beamte. Eine Schleuse, alle Anwesenden wur­den durch­sucht. „Wir haben ein mas­si­ves Polizeiaufgebot hier”, sagt der Richter. „Wir schüt­zen sie.” Man hat­te damit gerech­net, dass die Familien mit bis zu 60 Leuten anrü­cken. Aber nie­mand ist gekom­men.

Warum nicht? „Das”, sagt der Verteidiger, „hat viel­leicht damit zu tun, dass der Konflikt, so hört man aus der Familie, bereits geklärt ist. Die Sache scheint für bei­de Teile erle­digt zu sein.”

Foto: Jörg Singer

Alexander Krützfeldt

Ist eigentlich ausgebildeter Tageszeitungsredakteur. Merkt man aber heute auch nix mehr von. Alexander Krützfeldt arbeitet zu den Bereichen Justiz, Kriminalität, Missstände im Allgemeinen (was oft auch sein eigenes Leben betrifft) und schreibt ausschließlich Reportagen und Portraits im New-Journalism-Style. Glaubt er jedenfalls.

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