Die Straßenkinder von Leipzig leben in Abrisshäusern und trin­ken Kaffeesahne, wenn es nichts zu essen gibt. Ein Besuch.

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„Du kann­st immer anru­fen, ich geh auch ran“, hat­te er gesagt. Und dann war er ver­schwun­den, der gro­ße, schlak­si­ge Junge, dem oben bei­de Schneidezähne fehl­ten. Beim ers­ten Anruf: weg­ge­drückt. Beim zwei­ten: Mailbox.
Unschlüssig ste­he ich in der Dunkelheit. Das alte Haus. Zerschlissene Möbel. Zerbrochenes Glas. Pflanzentriebe bah­nen sich lang­sam ihren Weg durch das offe­ne Fenster ins Innere.
Es war kei­ne gute Idee, in die kaput­ten Häuser zu gehen, die außer­halb der Stadt ste­hen. Nicht, weil sie ein­stür­zen könn­ten, son­dern weil ich nicht weiß, ob ich hier über­haupt fin­de, was ich suche. Und dass der Typ jetzt nicht an sein Telefon geht, das macht die­se Vermutung zuneh­mend zur Gewissheit: Hier ist nie­mand. Und es wird auch kei­ner mehr kom­men.
„Es ist nicht unty­pi­sch, dass sie unzu­ver­läs­sig sind”, sagt Gabi Edler. „Das hat nichts mit dir zu tun. Das geht auch mir so.” Das eine Mal erzähl­ten sie, es sei alles in Ordnung, dass es auch schon viel bes­ser gewor­den sei mit den Eltern. „Und dann sind sie trotz­dem Monate weg”, sagt Gabi, „und du weißt nicht, wo, und wenn sie wie­der­kom­men, sagen sie: Du, Tante E., mei­ne Mama will mich jetzt auf den Strich schi­cken.” Gabi dreht sich zu mir um: „Ein zwölf­jäh­ri­ges Mädchen, das mus­st du dir mal vor­stel­len.”
Gabi, bes­ser bekannt als Tante E., küm­mert sich seit über 25 Jahren um Straßenkinder in Leipzig. Um jun­ge Menschen mit gebro­che­nen Biografien und ohne Zuhause. Wie vie­le es sind, weiß nie­mand so gen­au. Gabi nicht – und die Behörden auch nicht. Zweimal am Tag gibt es im „Straßenkinder e.V.” war­mes Essen, mit­tags und abends, außer­dem geben die vier fes­ten und sechs ehren­amt­li­chen Helfer Ratschläge und war­me Kleidung mit auf den Weg.
Seit ein paar Tagen beglei­te ich Gabi und mache mich nütz­li­ch, jeden­falls hof­fe ich das. Anfangs war es merk­wür­dig. Wie jeder, der noch nie gehol­fen hat, fühl­te ich mich schlecht. Deplatziert.

Trau dich ein­fach. Sie wer­den lan­ge brau­chen, bis sie dir ver­trau­en”, erklärt Gabi. „Wenn über­haupt. Aber das gehört eben auch dazu. Manche wer­den nie etwas erzäh­len und alles für sich behal­ten. Damit muss man leben kön­nen.”

Liest man über Leipzig, dann liest man, dass die Stadt boomt. Aber auch, dass sie mit Armut zu kämp­fen hat. Es feh­len qua­li­fi­zier­te Arbeitsplätze, gleich­zei­tig zieht es vie­le Menschen hier­her. Wenn es Probleme in den Familien gibt – Gewalt, Streit oder finan­zi­el­le Schwierigkeiten –, gibt es für Kinder nur zwei Alternativen: Kinder sol­len grund­sätz­li­ch mit ihren Eltern not­un­ter­ge­bracht wer­den, in einer Wohnung, die die Stadt anmie­tet und in denen man eine Zeitlang kos­ten­los woh­nen kann. Kinder wer­den nur dann von den Eltern getrennt und dem Jugendamt über­ge­ben, wenn nichts Anderes mehr hilft. So jeden­falls die Theorie. Wenn nichts mehr geht, kom­men sie ins Heim.

Im „Straßenkinder e.V.” löf­felt ein Mädchen neben mir teil­nahms­los ihren rosa Joghurt. „Viele wol­len nicht ins Heim, Heim heißt Gewalt”, sagt sie irgend­wann. Ihren Namen will sie nicht nen­nen. „Dann lie­ber Straße.”

Wer zu Gabi kommt, hat meist viel Hunger mit­ge­bracht: „Wir wis­sen ja nicht, wann es wie­der was gibt”, sagt das Mädchen, zuckt mit den Schultern, kratzt fast zärt­li­ch ihre Schale aus. „Da neh­men wir mit, was geht. Ist doch klar.”

Jeder, der das Haus betritt, geht zuer­st ins Bad. „Das ist immer so ein Klischee”, erklärt ein Junge. „Penner sind aso­zi­al und waschen sich nicht, ne? Natürlich waschen wir uns. Hygiene ist total wich­tig. Wenn du stink­st, gibt dir kei­ner Geld. Die Duschen am Hauptbahnhof sind gut, aber die kos­ten, glau­be ich, gera­de so um die acht Euro.”

Wo lebt ihr denn?”

Keine Antwort.

Darüber wür­den sie nicht reden, hat­te Gabi mich gewarnt: „Keine Chance, das hal­ten sie geheim.” Sandra Fröhlich, die selbst ein paar Monate obdach­los war, und heu­te als Streetworkerin Obdachlose betreut, sagt: „Sie nen­nen sie ihre Grotten. Es sind die Abrisshäuser am Ende der Stadt, in die sie gehen.”

In einem die­ser Häuser ste­he ich jetzt – allein, im Dunkeln. Das Problem war: Ich hat­te auf eige­ne Faust ver­sucht, eines die­ser Häuser zu fin­den, in dem sie leben. Das geht nur in wel­chen, die zugäng­li­ch sind, hat­ten sie mir gesagt. Gleichzeitig aber nicht so offen, dass jeder ran­kommt. Es kamen also nicht die zen­tra­len Abrisshäuser in Frage, aus denen schon bald schö­ne Loft-Wohnungen oder Büros wür­den. Aber es gibt in Leipzig so vie­le – und ich hat­te offen­sicht­li­ch kei­nen Treffer gelan­det. Ich ver­su­che mich an hilf­rei­che Details zu erin­nern: Was hat­te der jun­ge, schlak­si­ge Typ noch gesagt?

Als ich aus dem Knast kam, hat Gabi mir ein Handy gege­ben. Damit ich mich bei ihr mel­den kann, bei mei­nen Freunden, damit mich das Amt erreicht oder das Gericht.”

Nein, das war es nicht. Etwas wegen der Häuser.

Gabi ist für uns alle hier wie eine Mutter. Ohne sie wären eini­ge sicher weg vom Fenster.”

Ich kra­me in mei­nem Gedächtnis und betrach­te die klei­nen Sahneverpackungen, die auf dem Fußboden lie­gen, etwas ver­steckt zwar, aber sicht­bar. Sie sol­len Kalorien geben, die­se klei­nen Teile, die zum Kaffee gereicht wer­den, hat­te einer gemeint: Kalorien, wenn es mal nichts zu essen gibt. Und man kann sie schnell klau­en.

Hauptsächlich Abrisshäuser, ja. Aber kei­ner redet drü­ber”, das hat­te der Schlaksige gesagt und sei­nen wei­ßen Pullover ganz oben auf Gabis Kleiderstapel gelegt. „Viele haben Angst, weißt du, dass jemand kommt, die Schlafplätze fin­det und zer­stört. Du kann­st es von außen sehen: Es ist wich­tig, dass die Fenster intakt sind. Sind die Fenster kaputt, wird es nie rich­tig warm.”

Dann war er auf­ge­stan­den, hat­te noch ein­mal den wei­ßen Pullover betrach­tet und im Austausch eine Jacke vom Haken in den Rucksack gestopft, die Tür geöff­net und sich umge­dreht: „Ich weiß, wo ein paar die­ser Häuser sind. Jedenfalls kenn’ ich da ein paar Leute. Hier, mei­ne Nummer. Hab nur kein Guthaben mehr. Du kann­st aber immer anru­fen, wenn du will­st, ich geh’ auch ran.”

Nun ste­he ich im Abrisshaus und er tut eben das nicht. Drückt mich weg, lässt die Mailbox ran­ge­hen. Der Wind streicht durch die offe­nen Fenster. Kompletter Fehlschlag.

Es kommt immer mal wie­der vor, sagt die Polizei, dass Kinder in Abrisshäusern auf­ge­grif­fen wer­den. Dann wer­den ihre Identitäten fest­ge­stellt, wenn das geht, und ver­miss­te Kinder mel­det das elek­tro­ni­sche Erfassungssystem den Streifen sofort.  Aber nicht immer wer­den die Kinder über­haupt als ver­misst gemel­det – denn das kann Fragen auf­wer­fen: nach dem Kindergeld, der Aufsichtspflicht, dem Zustand der Wohnung oder der Souveränität der Familie.

Vor ein paar Tagen fuh­ren wir Lebensmittel aus, Gabi und ich, sie spen­det den ande­ren Einrichtungen alles, was sie zu viel bekommt. Vor einem Haus park­ten wir den Bus, da sprang ihr ein klei­nes Mädchen auf den Arm, blick­te sie an und frag­te: „Du, Mama, wann nimmst du mich mit?” Gabi ist natür­li­ch nicht ihre Mutter, aber die Kinder und Jugendlichen lie­ben sie wie eine. Wer bei sol­chen Szenen nicht heult, der soll­te sich mal drin­gend beim Kardiologen unter­su­chen las­sen, ob da über­haupt noch was ist hin­ter den lin­ken Rippen.

Die Kleine wohnt in einer Einrichtung für Kinder, die kei­ne Eltern mehr haben oder die ihren Erziehungsberechtigten weg­ge­nom­men wur­den. „Oft ist es das gan­ze Umfeld, was nicht mehr stimmt”, sagt Gabi. „Oder es ist der scheiß Alkohol.”

Im Haus für die Straßenkinder erscheint ein jun­ger, blas­ser Typ mit sei­ner Freundin im Türrahmen. Mittagessen. Sie: schwan­ger. Sicher sechs­ter, sieb­ter Monat. Die Augen ihres Freundes wan­dern hek­ti­sch durch den Raum, er reibt sich die Oberarme mit den Händen, wippt unru­hig hin und her. Drogen viel­leicht.

Wer bist du?”, fragt er mich nach einer Weile. Wir sit­zen neben­ein­an­der, er isst. Ich hal­te die Fresse.

Niemand”, sage ich.

Gut, ich auch nicht”, ant­wor­tet er.

Deine Freundin?”

Verlobt, ja. Hab sie bei Gabi ken­nen­ge­lernt und ihr den Antrag gemacht, als ich aus dem Knast kam. Eigentlich hab ich nur was zum Ficken gesucht. Kann ja kei­ner ahnen, dass einem da die Liebe sei­nes Lebens über den Weg läuft.”

Was ist der Vorteil vom Zusammensein?”

Draußen mein­st du?”

Zum Beispiel.”

Wenn du in der Clique bist, bist du stark. Du mus­st drau­ßen immer stark sein. Das hab ich im Kast gelernt. Da sind auch klu­ge, net­te Leute. Aber sie dür­fen es nicht zei­gen. Sonst … Naja, du weißt schon. Allein sein ist nie gut. Man geht kaputt, wenn man allei­ne ist.”

Übergriffe von Fremden sei­en nicht sel­ten. „Du hast auf der Straße aber kei­nen Support. Niemand hilft dir. In den Augen vie­ler Leute bist du doch Abschaum.”

Gabi, über 70, hat mit ihrer Arbeit schon ange­fan­gen, als sie noch Straßenbahn fuhr, nach der Wende. Sie ist mit ihrer Tätigkeit berühmt gewor­den, hat Charity-Auszeichnungen bekom­men und die Themen Obdachlosigkeit und Armut immer wie­der auf die Agenda geho­ben. Die Geschichten, die sie erlebt und zu erzäh­len hat, sind wie der Bodensatz im Türkischen Kaffee, den man nicht sieht. Wenn man ihn aus Versehen mittrinkt ist das ers­tens ein Schock und zwei­tens ganz schön bit­ter. Danach muss man sich immer wie­der neu auf­bau­en. Gabi hört dafür die „Flippers” im Auto. „Ich kann das ganz gut ab mit der Zeit – aber du mus­st dich emo­tio­nal dis­tan­zie­ren”, erklärt die über 70-Jährige. „Man gewöhnt sich dar­an.” Stimmt nicht ganz: Auch an Gabi geht es nicht spur­los vor­bei.

Wo schlaft ihr?”

Wo offen ist. Bank. Alte Häuser. Am Hauptbahnhof ist gut”, sagt der mit der Glatze. „Da sind die Bullen. Und wo die Bullen sind, ist es oft sicher. Sie tun uns nichts und sor­gen dafür, dass kei­ner stört.”

Fragen sie euch nicht nach dem Ausweis?”

Dann mus­st du halt schnell weg. Wer drau­ßen ist, will nicht zurück: Zurück bedeu­tet Knast. Oder Heim. Und Heim bedeu­tet Gewalt”, sagt das Mädchen.

Warum sie von Zuhause weg­gin­gen, sagt kei­ner.

Eine Weile pas­siert nichts. Nur das Geräusch von Löffeln und Schalen und Messern und Tassen.

Man, schei­ße”, sagt der Blasse plötz­li­ch. „Und du bist auch pflicht­ver­si­chert, ver­giss das nicht. Wenn du von der Straße kommst, nach ein paar Jahren oder so, kann es sein, dass du direkt ein paar tau­send Euro Schulden hast, weil die Versicherung das Geld von dir will.”

Ein Anderer nickt: „Schulden und Schufa und irgend­wann Knast. Eine Wohnung kriegs­te so auch nicht.  Aber wir haben ja Mutti, nicht wahr, Gabi?”

Du hast doch bald wie­der Arbeit”, ruft Gabi aus der Küche dem Blassen zu. „Geh auch hin, hör­st du. Sonst gibt’s Krach!”

Jaja. Mach ich doch. Mutti muss immer auf uns auf­pas­sen”, erwi­dert er lachend.

Plötzlich sieht er auf dem Kleiderstapel den wei­ßen Pullover: „Schatz”, sagt er auf ein­mal ganz weich zu sei­ner schwan­ge­ren Freundin. „Meinst du, der steht mir?” Sie wirkt unschlüs­sig.

Wie lang bist du auf der Straße?”, fra­ge ich.

Seit ich neun bin”, sagt er und dreht sich, als wür­de er sich im Spiegel betrach­ten. Aber da ist nur die Fensterscheibe. „Tja. Und bald wer­de ich Vater. Nichts gelernt, was? Aber davon eine Menge! Es ist gut, dass ich bald Arbeit habe. Alles wird bes­ser, biss­chen Beschäftigung ist gut. Wir haben seit Kurzem auch eine Wohnung.”

Er hat­te mir erzählt, als sie kurz im Bad war, dass er an man­chen Tagen denkt, sein Körper tra­ge ihn nicht mehr lan­ge. Sie mache sich dann Sorgen, sagt er. „Wenn wir kei­ne ordent­li­che Küche fin­den, bis das Baby kommt, dann neh­men sie es uns doch direkt wie­der weg”, sagt er. „Ich muss es schaf­fen, bis dahin muss ich es ein­fach schaf­fen.”

Alles scheint sich zu wie­der­ho­len: sein Leben, wei­ter­ge­ge­ben an das sei­nes Kindes, wenn es aus der Familie genom­men wird. Armut ver­erbt sich, sagen Soziologen. Es ist unend­li­ch trau­rig, die­ser Kreislauf, aus dem man selbst dann schwer ent­kommt, wenn man sich Mühe gibt. Gabi stellt sich neben mich, als er geht. „Wir geben ihnen was, mach dir kei­ne Sorgen bit­te”, sagt sie. „Wir las­sen uns etwas ein­fal­len. Wir las­sen uns immer etwas ein­fal­len.”

Ich nicke.

Sie nickt.

Ich hof­fe sogar, Gott nickt gera­de, obwohl ich nicht an ihn glau­be.

Ein Mädchen sitzt noch in der Ecke. Allein, spricht nicht. Mit Gabi nicht. Nicht mit den ande­ren. Mit nie­man­dem. Pinke Jacke. Verwischtes Augen-Make-Up. Zerrissene Jeans. Ich den­ke an die Geschichte von Gabi und der Zwölfjährigen. Könnte sie das Mädchen sein? Bilde ich mir das ein? Vermutlich. Wenn du allei­ne bist, hat­te der Blasse gesagt, dann hast du kei­ne Chance.

Langsam wird es dun­kel drau­ßen. Das Haus hält mich wie in einer Schachtel gefan­gen. Immer noch Mailbox. Immer noch Handy aus.  Er hat mich ver­setzt und er hat jedes Recht dar­auf. Denn wel­ches hat­te ich, über­haupt her­zu­kom­men?

Sie wol­len nicht gefun­den wer­den. Höchstens von Gabi und ihren Leuten und von nie­man­dem son­st.

Ein kal­ter Wind zieht durch die offe­nen Fenster und ich frie­re trotz mei­nes dicken Pullovers.

Ich den­ke an das Mädchen, das nicht sprach. Sie stand plötz­li­ch auf, wie auf einer Schiene geführt, gera­de hoch vom Stuhl, brach­te den Teller nach vor­ne. Bedankte sich, ohne jeman­den anzu­gu­cken. Ging zur Tür. Dann schul­ter­te sich noch­mal ihre Tasche und sag­te lei­se „Tschüss”, so wie Menschen es im Film sagen, wenn sie eigent­li­ch „Adieu” mei­nen.

Wenn die Fenster kaputt sind, wird es nie rich­tig warm”, hat­te der blas­se Typ gesagt.

Ich ver­ste­he erst jetzt, dass die­ser Satz gar nichts mit Häusern zu tun hat.

Bild: Anselm Hirschhäuser

Alexander Krützfeldt

Ist eigentlich ausgebildeter Tageszeitungsredakteur. Merkt man aber heute auch nix mehr von. Alexander Krützfeldt arbeitet zu den Bereichen Justiz, Kriminalität, Missstände im Allgemeinen (was oft auch sein eigenes Leben betrifft) und schreibt ausschließlich Reportagen und Portraits im New-Journalism-Style. Glaubt er jedenfalls.

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