Wir sind in die Wildnis gereist: Eine von uns ging schon in der ers­ten Woche ver­lo­ren. Und da waren Bären und Beeren und das Glück ging schwanz­wa­ckelnd an der Leine der Polizei. Wir haben nach zwei Wochen Darwin ver­stan­den.

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Die Stadt, sie keucht asma­thi­sch und lun­gen­krank. Seit Tagen, Wochen. Monaten schon.

In der Stadt lebt das Glück nicht. Ich lebe dort. Andere auch. Und jeder will Glücklichsein. Wir sind ein­sam, wütend und ego­is­ti­sch. Weil wir den­ken, das wir das Glück irgend­wie ver­die­nen, schät­zen wir es nicht. Wenn jeder etwas Glück will, bleibt zu wenig für alle, denn jeder nimmt dem ande­ren ein Stück vom Glück weg. Bis nichts mehr da ist. Und in der Stadt ist nichts mehr.

Das Glück lebt auch nicht auf dem Dorf. Das ist Quatsch. Jeder weißt das, der auf dem Land gelebt hat. Dort leben Mofa-Gangs, Suff, Tristesse und schlech­te Ladenöffnungszeiten, aber das Glück nicht.

Auf dem Land auch nicht. Das Land hängt stän­dig über dem Zaun, eine Deutschlandfahne im Garten. Hier kennt jeder jeden, aber das muss nichts Gutes hei­ßen. Und klar, es gibt schö­ne Flecken, aber die meis­ten sind so flach wie das Land selbst.

Die Wildnis ist anders. Hier wohnt das Glück noch. Vermutlich ist es des­halb nicht weg­ge­zo­gen, weil nie­mand hier­hin gezo­gen ist. Wo Menschen nicht woh­nen, hat das Glück noch Platz. Es wohnt auf den Wiesen, die von Felsen unter­bro­chen sind und kilo­me­ter­weit ins Nichts füh­ren. Es wohnt in den Strommasten, die längst nicht mehr in der Zivilisation ange­schlos­sen sind und In alten, wind­schie­fen Hütten wohnt es auch und in Wölfen. Bäume sind ver­ständ­nis­vol­le Gesprächspartner.

In der Wildnis schwei­gen die Seen. Elchkühe ste­hen kau­end am Straßenrand und wun­dern sich, dass sich Autos mitt­ler­wei­le durch­ge­setzt haben. Je wei­ter der Weg, den ein Straßenschild zum nächs­ten Dorf weist, desto mehr wohnt hier das Glück. Man kann rufen und lau­fen und kommt nie an ein Ende.

Das liegt natür­li­ch dar­an, also dass man hier so glück­li­ch ist, den­ke ich und fah­re mit dem Zeigefinger über das Notizheft, das kei­ne ande­ren Menschen da sind. Jedenfalls kei­ne, mit denen man nicht her­fah­ren woll­te.

Das Schöne ist auch: Während in der Stadt alle Entscheidungen ein viel­leicht ken­nen oder ein spä­ter und jede wei­te­re Form des zeit­li­chen Aufschubs, so kennt die Wildnis die­se nicht: Es gibt nur Ja- und Nein-Entscheidungen, kei­nen Überfluss, kei­ne end­lo­sen Möglichkeiten.

Eine Woche hat es gedau­ert, bis wir S. im Wald ver­lo­ren hat­ten. Sie war beim Pilze sam­meln vom Weg abge­kom­men und – unbe­lehr­bar, wie sie ist – anschlie­ßend spur­los ver­schwun­den.

Die Polizei ist am Telefon. Unsere „Straße“ sei lei­der unbe­kannt und nicht ver­zeich­net, ob wir viel­leicht irgend­wo­hin kom­men könn­ten. Andererseits sei es jetzt wie­der­um auch zu spät für die Hundestaffel. Der Helikopter mit Wärmebildkamera brau­che zu lan­ge bis raus in die Wälder. Müsse sie halt im Wald blei­ben. Blöde Touristin. Dann geht das Handy aus. Man muss auf einen Hügel stei­gen, um zu tele­fo­nie­ren. Das Internet geht auch dort nicht. Das geht nie.

Es wird dun­kel. Lange Schatten der Bäume wer­fen sich über das Land.

Vielleicht ist die Wildnis das Gegenteil vom Internet. Im Internet ist alles erreich­bar, alles wird ser­viert in bedie­ner- und fress­freund­li­chen Häppchen. Alles zu der Zeit, wie Du es magst. Alles auf Vorrat.

Die Wildnis ist so nicht. Sie gibt dir kei­ne Auswahl zu ent­schei­den. Sie stellt dir wort­los hin. Wird geges­sen, was auf den Tisch kommt. Sie gibt dir Würze und Kräuter und Pilze gibt sie Dir auch. Aber Wasser mus­st Du sel­ber auf­trei­ben und Feuerholz, um Dir eine Suppe zu machen. Survival-Tipp: Einmal am Feuer sit­zen ist roman­ti­sch. Jeden Tag, zwei Wochen lang, nur am Feuer sit­zen ist nicht mehr roman­ti­sch. Alles riecht nach ver­kohl­ter Leiche, wenn du wie­der nach Hause kommst.

Frühmorgens, wenn der Nebel noch kalt über den Seen liegt, hör­st du das Glück.

Da ist näm­li­ch: nichts.

Die Natur schweigt dich an, weil sie nicht wüss­te, über was und wes­halb sie sich mit Dir unter­hal­ten soll­te. Vögel hör­st du auf dem Land und der Stadt denn die wer­den in der Nähe von Häusern alle ver­hal­tens­auf­fäl­lig und schrei­en gegen die Autos an. Hier gab es nie Autos. Und wenn, dann kommt ein Traktor zwei­mal im Jahr vor­bei. Einmal im Sommer, und ein­mal, wenn der Schnee sehr hoch liegt.

Hier ist es früh­mor­gens, als habe jemand den Ton abge­stellt. Die Wildnis atmet lei­se – fast gar nicht.

Hier mus­st Du Holz hacken und Pilze sam­meln – und dafür belohnt Dich die Wildnis, aber auch nur mit Holz und Pilzen. Sie ist nicht unhöf­li­ch, aber sie ver­teilt kei­ne Geschenke. Gegen eine Flasche Schnaps kann­st Du Dir beim ein­zi­gen Menschen in der Gegend ein Boot aus­lei­hen. Aber dafür brauchst du Schnaps und der ist schwer zu bekom­men.

Er ist der ein­zi­ge Nachbar weit und breit. Seinen Namen ken­ne ich nicht. Er sagt, er mähe hier den Rasen, aber der Rasen ist immer total ver­wil­dert und wächst hoch bis an die Fenster im Erdgeschoss der alten Holzbaracken. Er ver­steht uns nicht, als wir ihn fra­gen, was wir machen sol­len wegen der ver­lo­re­nen Person im Wald. Da blick­te er nur lan­ge hin­aus zu den Wäldern, sein Atem scharf wie die Kanten eines Papierfliegers und sei­ne grau­en Haare quel­len unter der Schirmmütze her­vor wie die Stacheln eines Mettigels. Björn, haucht er dann. Björn ist schwe­di­sch und heißt Bär.

Alles hier ist grö­ßer und gefähr­li­cher. Ich hat­te mich früh am Tag gewun­dert, war­um die Decke in unse­rer Baracke so schwarz ist, und war auf den Stuhl gestie­gen, um fest­zu­stel­len, dass zwei Milliarden schwar­ze Spinnenleichen in ihren eige­nen Netzen kokon­ar­tig von der Decke hän­gen. Ein paar Leute sind wir. Die Hälfte davon hat Angst vor Spinnen, schät­ze ich. Keine guten Voraussetzungen.

Echte Wildnis ist in Europa extrem sel­ten gewor­den: Die größ­ten zusam­men­hän­gen­den Wildnisgebiete bei uns lie­gen in Fennoskandinavien, am Bottnischen Meerbusen, den nörd­li­chen Ausläufern der Ostsee zwi­schen Schweden und Finnland. Die Wildnis wird defi­niert als wei­test­ge­hend unbe­rührt vom Menschen, ein Gebiet also, in dem die Naturprozesse allein und unge­stört ablau­fen. Je mehr Infrastruktur vor­han­den ist, desto weni­ger ist es rei­ne Wildnis. Gebiete, in denen der Mensch rudi­men­tär sie­delt oder Forstwirtschaften betreibt, nennt man auch „Wilde Regionen“. Die größ­te Wildnis der Welt fin­det sich in der Arktis oder den Tundren und kal­ten Wüsten. Solche fin­den sich auch weit im Norden Euopras.

In Schweden spricht man von so genann­ten „Wildniskernen“, wenn sich kei­ne mar­kier­ten Wanderwege oder tou­ris­ti­schen Anlagen in zusam­men­hän­gen­den Gebieten, die grö­ßer als 1000 km² sind und mehr als 15 km von Straßen oder Eisenbahnlinien ent­fernt lie­gen, fin­den. Laut Schwedischem Nationalatlas gibt es hier noch neun „Wildniskerne“.

Alle ande­ren unbe­sie­del­ten Gebiete, die 20 km² groß sind, nennt man „weg­lo­se Gebiete“.

Ob Björn schmat­zend auf einem Stein saß, die Hälfte von S. in der Hand?

Es war scho­ckie­rend, wie schnell wir nur noch unse­re eige­nen Rufe hören könn­ten. Kein Wort mehr von S. Keine Spuren im Wald. Die Bäume blick­ten uns stumm an, ver­schränk­ten ihre nade­li­gen Arme und schlos­sen die Reihen. Würde man hier eine Videodrohne star­ten, die nach unten filmt, dann wür­de sie lan­ge Zeit nur sehr dunk­les Grün fil­men, bis irgend­wann etwas kommt, das nicht mehr grün ist. Der Weltraum ver­mut­li­ch.

S. war unvor­be­rei­tet in den Wald gekom­men. Vermutlich war sie bereits gestürzt, wenn Björn sie nicht gefres­sen hat­te. Man muss sich an den Bäumen ori­en­tie­ren, wenn man ver­lo­ren geht: Die Sonne scheint meist aus Süden, dar­um wach­sen sie auf die­ser Seite schnel­ler und die Jahresringe der Bäume sind brei­ter. Auch das Moos bil­det sich am Stamm meist ent­lang der  Nord- Westseite, weil von dort der Regen kommt. Spinnweben über­all, die die Pflanzen hier über­span­nen wie wei­ße Bettlaken ver­ges­se­ne Möbel. Spinnen weben ihre Netze meist an Ästen, die Richtung Süden zei­gen. Aber all das wuss­te S. nicht.

Es hat­te sehr lan­ge gedau­ert, bis ich ver­stand, dass nicht das Romantische an der Wildnis der Grund ist, dass das Glück hier lebt. Wir stel­len uns alle uns selbst in kar­ger Landschaft vor: bär­tig, ursprüng­li­ch, ohne Sorgen. Und das stimmt ja auch, alle Menschen wer­den anders in der Wildnis. Werden zurück­ge­wor­fen auf ihre Steinzeit-Gene und -instink­te.

In unse­ren Städten und Dörfern erzwin­gen wir das Glück. Es ist wie mit dem Begradigen von Flüssen: Anfangs sehr effek­tiv, dann merkt man, dass das Wasser schnel­ler gewor­den ist und dann kommt es bei Hochwasser zu Katastrophen. Wir wol­len erzwin­gen. Wir wol­len dem Glück ein Betonfundament gie­ßen und sagen: So, Glück, hier kann­st Du blei­ben!

Aber das Glück mag die­se Orte nicht sehr. Es mag Großmutters Küche und Kichererbsensuppe und selbst­ge­mach­te Limo mit Eisklümpchen. Es mag auch faul im Garten lie­gen. Aber nur halb, nur im Sommer und in den Ferien.

Das Glück mag Wanzen beim Wettlauf an einem Stamm zuse­hen. Es mag einen Favoriten haben – und laut­stark anfeu­ern mag es auch. Das Glück mag Geselligkeit, und Geselligkeit gibt es in der Wildnis viel. Denn da sind nur ein paar Menschen, die jeden Tag auf­ein­an­der hocken.

Das Glück, sagt der Volksmund, lässt sich nicht erzwin­gen. Und das ist der Grund: Hier drau­ßen ist kein Zwang mehr. Hier kommt alles, oder es kommt nichts. Alles kann, nichts muss. S. kam irgend­wann.

Sie fand den Weg allei­ne raus. Ein Zufall. Eins zu einer Million. Lotto-King-S. Ihre Ballerinas waren schmut­zig und vol­ler Löcher. Reines Glück.

Wenn es dann kommt, dann ist man hier drau­ßen dank­bar und über­glück­li­ch, weil man es nicht mehr erwar­tet hat. Dann kocht man drei Pfund Spaghetti zur Feier des Tages und legt die paar ein­sa­men Pilze dazu, die man gefun­den und gewa­schen hat. Man schnei­det sie sehr klein, damit jeder noch ein Stück erwischt und kei­ner trau­rig ist oder hung­rig bleibt.

Es gibt hier drau­ßen nicht viel. Aber es reicht zum Leben. Irgendwie jeden­falls. Und am Ende ist nicht nur das Glück glück­li­ch, wenn es in die gerö­te­ten Wildnis-Gesichter am Tisch blickt, die satt und zufrie­den zurück­bli­cken und sich tage­lang nicht rasiert haben; jeder ist es.

Dann sagt das Glück irgend­wann: Jetzt muss ich bald weg. Aber eine hal­be Stunde bleib ich noch. Und dann bleibt es doch über Nacht, weil es zwar nicht sehr bequem hier drau­ßen ist, aber so gemüt­li­ch und wun­der­schön zwi­schen all den schla­fen­den Menschen.

Foto: S. Wassermann

Alexander Krützfeldt

Ist eigentlich ausgebildeter Tageszeitungsredakteur. Merkt man aber heute auch nix mehr von. Alexander Krützfeldt arbeitet zu den Bereichen Justiz, Kriminalität, Missstände im Allgemeinen (was oft auch sein eigenes Leben betrifft) und schreibt ausschließlich Reportagen und Portraits im New-Journalism-Style. Glaubt er jedenfalls.

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